Fatima

Die letzten Tage der Schöpfung.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Aber nach vielen Jahrmillionen war der Mensch endlich klug genug.
Er sprach: Wer redet hier von Gott?
Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand.
Er nahm sie, und es begannen die letzten sieben Tage der Erde.

Am Morgen des ersten Tages
beschloss der Mensch, frei zu sein und gut, schön und glücklich.
Nicht mehr Ebenbild eines Gottes, sondern ein Mensch.
Und weil er etwas glauben musste, glaubte er an die Freiheit und das Glück,
an die Börse und den Fortschritt, an die Planung und seine Sicherheit.
Denn zu seiner Sicherheit hatte er den Grund zu seinen Füßen gefüllt
mit Raketen und Atomsprengköpfen.

Am zweiten Tage
starben die Fische in den Industrieabwässern,
die Vögel am Pulver der chemischen Fabrik,
das den Raupen bestimmt war,
die Feldhasen an den Bleiwolken von der Strasse,
die Schoßhunde an der schönen roten Farbe der Wurst,
die Heringe am Öl auf dem Meer
und an dem Müll auf dem Grunde der Ozeane.
Denn der Müll war aktiv.

Am dritten Tage
verdorrte das Gras auf den Feldern und das Laub an den Bäumen,
das Moos an den Felsen und die Blumen in den Gärten.
Denn der Mensch machte das Wetter selbst
und verteilte den Regen nach genauem Plan.
Es war nur ein kleiner Fehler in dem Rechner, der den Regen verteilte.
Als sie den Fehler fanden, lagen die Lastkähne
auf dem trockenem Grund des schönen Rheins.

Am vierten Tage
gingen drei von vier Milliarden Menschen zugrunde.
Die einen an den Krankheiten, die der Mensch gezüchtet hatte,
denn einer hatte vergessen, die Behälter zu schließen,
die für den nächsten Krieg bereitstanden.
Und ihre Medikamente halfen nichts.
Die hatten zu lange schon wirken müssen
in Hautcremes und Schweinelendchen.
Die anderen starben am Hunger, weil etliche von ihnen
den Schlüssel zu den Getreidesilos versteckt hatten.
Und sie verfluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war.
Er war doch der liebe Gott!

Am fünften Tage
drückten die letzten Menschen den roten Knopf,
denn sie fühlten sich bedroht.
Feuer hüllte den Erdball ein, die Berge brannten, die Meere verdampften,
und die Betonskelette in den Städten standen schwarz und rauchten.
Und die Engel im Himmel sahen, wie der blaue Planet rot wurde
dann schmutzig braun und schließlich aschgrau.
Und sie unterbrachen ihren Gesang für zehn Minuten.

Am sechsten Tage
ging das Licht aus. Staub und Asche verhüllte die Sonne,
den Mond und die Sterne.
Und die letzte Küchenschabe, die in ihrem Raketenbunker überlebt hatte,
ging zugrunde an der übermäßigen Wärme, die ihr gar nicht gut bekam.

Am siebten Tage war Ruhe.
Endlich.
Die Erde war wüst und leer, und es war finster über den Rissen und Spalten,
die in der trockenen Erdrinde aufgesprungen waren.
Und der Geist des Menschen irrlichterte als Totengespenst über dem Chaos.
Tief unten, in der Hölle, aber erzählte man sich die spannende Geschichte
von dem Menschen, der seine Zukunft in die Hand nahm,
und das Gelächter dröhnte hinauf bis zu den Chören der Engel.

Was hat ein so weltberühmter Wallfahrtsort wie Fátima mit dieser „Weltuntergangsstimmung“  des bekannten evangelischen Theologen Dr. Jörg Zink zu tun? Nun, Fátima ist es zu verdanken, dass diese Warnung des Theologen, zumindest was das atomare Feuer anbelangt, eine Dichtung aus dem vergangenen Jahrhundert blieb, und nicht zur Wirklichkeit geronnen ist. Zwischen Fiktion und  Wirklichkeit des dritten, eines atomaren, Weltkriegs lagen am Morgen des 26. September 1983 nur noch ganz wenige Minuten. Eine Geschichte mit nicht mehr zu überbietender Dramaturgie.

Vor etlichen Jahren noch gab es für Kleinkinder, welche schon malen konnten, ein Spiel zum „Durchpausen“. Auf einem Transparentpapier, auch bekannt als Butterbrotpapier, waren verstreut Linien und Bögen unterschiedlichster Art gezeichnet, ohne das daraus eine Form oder Gestalt erkennbar war. Zu jeder solchen Transparentvorlage gab es bei dem Spiel aber zusätzlich eine Schablone mit ebenso wahllosen Strichen, auf welche das Transparent gelegt werden konnte. Aufgabe der Kinder war es, und damit waren sie zumindest einige Zeit beschäftigt, die Striche und Bögen von der Schablone mit Malstiften auf die Transparentvorlage durchzupausen. War dies vollständig gemacht, so ergänzten sich nun die willkürlichen Linien von Schablone und  Transparent, und durch das Zusammenfügen kam eine schöne Figur zum Vorschein, beispielsweise ein Schwan oder eine Blume. Subjektiv hatte das Kind dadurch das freudige Gefühl gewonnen, etwas sehr schönes gemalt zu haben. Lassen sie uns die Idee dieses alten Kinderspiels doch einmal aufgreifen und folgendermaßen anwenden: Legen wir einfach verborgene  historische Geschehnisse über bekannte Glaubenstatsachen und sehen, ob sich durch das Zusammenfügen beider Komponenten etwas Neues abzeichnet, eine neue Erkenntnis oder Einsicht. Vielleicht erkennen wir das Wort Gottes im Spiegel des Lebens. Es ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, denn auch Tarcisio Bertone, SDB, emeritierter Erzbischof von Vercelli, beschrieb als Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre folgenden Zusammenhang: „ Das Wirken Gottes, des Herrn der Geschichte, und die Mitverantwortung des Menschen in seiner dramatischen und furchtbaren Freiheit sind die beiden Stützen, auf denen die Geschichte der Menschheit gebaut ist.“ Wie praktisch, ja wie heilsam wäre es, wenn diese Erkenntnis von mehr Verantwortlichen in der heutigen Welt akzeptiert werden könnte. Glaube und Religion wäre hier dringend gefordert. Was ist Religion? Der verstorbene, aber bis dahin sehr bekannte und beliebte Naturwissenschaftler Hoimar von Ditfurth schreibt in seinem Buch „Wir sind nicht von dieser Welt“ im Einleitungskapitel „Die Wahrheit ist unteilbar“ den beachtenswerten Satz: „Religion ist die Überzeugung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit.“ Genau!!! Und aus genau diesem Blickwinkel will ich das Nachfolgende auch betrachten. Diese Definition könnte aber auch von Benedikt XVI. stammen, welcher schwierige Glaubenstatsachen ebenso präzise wie einfach verständlich formuliert. Ich werde darauf noch sehr ausführlich zurückkommen. Dem von ihm geprägten Begriff „Gottesfinsternis“, ein gelungener Ausdruck zur Beschreibung der jüngst entstandenen Beziehung zum Schöpfer, zum Vater, möchte ich für die weitere Abhandlung aber das gegenüberstellen, also wieder in Erinnerung rufen, was wir in Fátima und darüber hinaus im Christentum auf das Höchste verehren: Die heilige Dreifaltigkeit, und im katholischen Christentum zu Recht die Hl. Maria als Beschützerin und Fürsprecherin der Menschen.

Wir leben inmitten einer wieder mal globalisierten Welt mit einem sich immer stärker ausbreitenden Lebensgefühl: Angst. Es ist Angst vor dem Scheitern, Angst vor dem sozialen Absturz, Angst vor der Zukunft. Nicht nur die sogenannte Mittelschicht erlebt dieses Lebensgefühl immer stärker, es breitet sich auch aus in der politischen Führung, vor allem aber, wie der renommiert Münchener Professor Lutz von Rosenstiel schon vor Jahren ermitteln konnte, in den Führungsetagen der Konzerne. In jüngster Zeit mittlerweile auch auf den Märkten, gemeint sind die Finanzmärkte. Die Märkte reagieren nervös, so wird es in den Medien professionell ausgedrückt. Banken vertrauen sich in regelmäßigen Zeitabständen gegenseitig nicht mehr. Die Diskussionen über diesen „Zustand“ im abendlichen Fernsehprogramm sind zahllos geworden, und gelegentlich hört man dabei den Wunsch, eine Sehnsucht, nach den geregelten Verhältnissen am Ende des vergangenen Jahrhunderts –  Wachstum, Stabilität, vor allem und gerade auch der Währung, einfach nur: Sicherheit. Aber es ist eine zutiefst falsche Glorifizierung einer Zeit, die gefährlicher und lebensfeindlicher gar nicht sein konnte, so wie das ganze 20. Jahrhundert schlechthin. Nur das ersten und das letzten Jahrzehnt waren „ruhig“. Der Rest, ein geradezu mörderisches Jahrhundert aus dem wir kommen, welches in der Geschichte seinesgleichen sucht. Angefangen hat alles, wie könnte es anders sein, aus dem seinerzeitigen Lebensgefühl heraus. Dem Zeitgeist in der Blüte der Industrialisierung: Des grenzenlos Möglichen. Viele Nationen so stolz und stark, dass sie vor lauter Kraft fast nicht mehr „laufen“ konnten. Die technischen Möglichkeiten, und das war das Wichtigste, erschienen grenzenlos, der Mensch, genaugenommen die herrschende Elite, steuerte alles, thronte über allem. Doch es gab einen ersten Hinweis, dass die Menschen immer noch Sterbliche waren. Los ging’s am 15. April 1912. Die Titanic versank kurz nach Mitternacht. Ein in bornierter Selbstverkennung als für unsinkbar erklärter Stahlkoloss versank bereits auf seiner Jungfernfahrt in den eisigen Fluten des Nordatlantiks, und riss rund 1500 Menschen in den Tod, einige Männer auch aus dem Industrie- und Finanzadel. Das Wort „Titanic“ hat seitdem in der westlichen Welt seinen Stammplatz. Bildende Kunst, Literatur, Film und Fernsehen treibt dieses Wort bis heute immer noch um. Wegen der Einsicht in die Unkontrollierbarkeit der Natur durch die Technik, oder wegen des Größenwahns im Denken von Menschen? Aber zurück zum Adel. Der Adel in Europa! Der alles  bestimmende Machtfaktor jener Tage, auch er vertraute sich nicht mehr gegenseitig. Deshalb hatte man geheime Bündnisse miteinander geschlossen. Das Attentat von Sarajevo löste diese Bündnisverpflichtungen schließlich aus wie ein Dominospiel, an dessen Ende 1914 das große Weltgeschehen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann und 1945 endete, unterbrochen lediglich von einem 21jährigen Waffenstillstand, Frieden wäre eine falsche Bezeichnung. Beide Weltkriege – zwei Seiten ein und derselben Medaille. Der Adel, welcher Jahrhunderte hindurch bis 1918 „geführt“ hatte, wurde bedeutungslos in dieser Epoche, Feudalstruktur und gesellschaftliche Ordnung lösten sich auf, nur etliche Industriebarone blieben. Die gekrönten Häupter waren vielfach verschwunden, das Vakuum in den entsprechenden „Reichen“ füllten jetzt andere Führer. Und es wurde das Jahrhundert der Schlächter! Jene, die ihre Macht auf dem Gebiet zwischen Atlantik- und Pazifikküste entfalten konnten: Hitler, Stalin und Mao Zedong.

Zu diesen drei Namen braucht eigentlich nichts mehr hinzugefügt werden, es ist  fast alles bekannt. Bemerkenswert sind aber die „Lebensbilanzen“. Historiker machen Hitler für etwa 50 Millionen Tote verantwortlich, in etwa ebenso viele Menschenleben hat auch Stalin ausgelöscht. Maos Menschenschinderei übertrifft beides bei Weitem. Experten schätzen die Zahl derer, die der Tyrann erschießen, erschlagen oder verhungern ließ auf über 70 Millionen. Mao war aber der Mann, dessen Ideologie ab Ende der 60er Jahre eine ganze Studentengeneration, nicht nur in Deutschland, fesselte. Die Mao-Bibel war in intellektuellen Kreisen weit verbreitet. Wenn der Spruch „… denn sie wissen nicht was sie tun“ sich wieder einmal als richtig erweisen sollte, dann ganz besonders an dieser Stelle. Verblendete jugendliche Idealisten sahen in Maos kommunistischer Ideologie und seinen Programmen den Weg für eine bessere Welt. Mao selbst hingegen sah das viel pragmatischer, nämlich nur seinem eigenen Machterhalt dienend: „Man müsse immer wieder Feuer entfachen um die Revolution am Leben zu erhalten“, so sein Credo. Die Kampagne „der große Sprung nach vorn“, sein größtes Verbrechen, kostet Millionen das Leben, ebenso wie die nachfolgende „große, proletarische Kulturrevolution.“ Mao verliert jeglichen Blick für die Realität, er traut sich zu, sogar die Welt neu einzurichten. Dabei unterlaufen ihm im Wahn auch skurrile „Strickfehler“. Wie das Spiegel Magazin berichtet „befiehlt er beispielsweise eine Kampagne gegen Spatzen, weil die angeblich zu viel Getreide fressen. Hunderttausende Chinesen müssen stundenlang auf Trommeln und Töpfe schlagen, um die Vögel so zu ängstigen, dass sie nicht landen und schließlich vor Erschöpfung tot vom Himmel fallen. Später muss Mao Spatzen aus der Sowjetunion importieren, weil ohne die Spatzen die Zahl der Insekten enorme Ausmaße annimmt.“

Mao Zedong, war nicht nur für China sondern für die ganze Welt eine Katastrophe. Die Welt jedoch hatte sogar noch Glück im Unglück. Indem er bei einem Staatsbesuch in Peking dem Kremlführer Chruschtschow ernsthaft vorschlug, den Westen auch unter in Kaufnahme eines Atomkrieges herauszufordern, weckte er bei Chruschtschow lediglich die Gewissheit, einem Wahnsinnigen gegenüber zu stehen: Selbst wenn durch einen Atomkrieg große Teile der Erde verwüstet, dafür aber „der Imperialismus ausgelöscht und die ganze Welt sozialistisch“ würde, sah Mao einen solchen Schritt als angebracht, und kam damit der späteren militärischen Zuspitzung schon recht nahe. Als Chruschtschow noch Moskau zurückflog war die Beziehung zwischen Moskau und Peking abgebrochen. Doch jetzt, in unserer kleinen Zeitreise die konventionellen Schlächtereien zurücklassend und weit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angekommen, sehen wir uns inmitten der größten Bedrohung der Menschheit: Dem Kalten Krieg. Das muss unseren Blick zurück lenken auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, auf einen bis dahin unspektakulären Ort in Portugal, an dem drei kleine Hirtenkinder das Kommende, richtiger, das möglicherweise Kommende, „voraussehen“ durften.

Aus dem letzten, dem dritten Geheimnis von Fátima, wie es am 13. Juli 1917 in der Cova da Iria, im Tal des Friedens oberhalb von Fátima, offenbart und am 3. Januar 1944 auf Anweisung des Bischofs von Leiria von Schwester Lucia, dem ältesten der drei Seherkinder, niedergeschrieben wurde, darf ich den für diese Abhandlung relevanten Teil wörtlich wiedergeben: „… haben wir links von unserer Lieben Frau etwas oberhalb einen Engel gesehen, der ein Feuerschwert in der linken Hand hielt; es sprühte Funken, und Flammen gingen von ihm aus, als sollten sie die Welt anzünden; doch die Flammen verlöschten, als sie mit dem Glanz in  Berührung kamen, den unsere Liebe Frau von ihrer rechten Hand auf ihn ausströmte: den Engel, der mit der rechten Hand auf die Erde zeigte und mit lauter Stimme rief: Buße, Buße, Buße! …“
Johannes XXIII. wurde 1959 ein versiegelter Umschlag mit der Niederschrift von 1944 übergeben, doch entschied er, den versiegelten Umschlag an das Heilige Offizium zurückzuschicken und das dritte Geheimnis nicht zu offenbaren. Paul VI. hat den Text am 27. März 1965 als erstes Oberhaupt der Katholischen Kirche gelesen, doch kam er ebenfalls zu der Entscheidung, ihn nicht zu veröffentlichen. Unter dem Eindruck des Attentats vom 13. Mai 1981 ließ Johannes Paul II. am Pfingstfest 1981 in der Basilika Santa Maria Maggiore die gewünschte Weltweihe an das Unbefleckte Herzen Mariens vornehmen, gezwungenermaßen in seiner Abwesenheit. Zur Vollkommenheit der Erfüllung wiederholte er diese Weltweihe am 13. Mai 1982 in Fátima. Wie wir noch sehen werden, gewissermaßen in letzter Minute. Und das älteste der Seherkinder, Schwester Lucia, bestätigte persönlich, dass dieser feierliche und universale Weiheakt dem entsprach, was Unsere Liebe Frau wollte. Fraglich, ob den Vielen auf dem Petersplatz, welche die sofortige Heiligsprechung von Johannes Paul II. (sancto subito) nach seinem Tod instinktiv forderten, zusätzlich bewusst war, wie viel dieser Mann für die Menschheit getan hat.

Nach Jahrzehnten der Geheimhaltung im Vatikan erteilte schließlich Johannes Paul II. der Kongregation für die Glaubenslehre den Auftrag, diesen dritten Teil des Geheimnisses zu veröffentlichen, jedoch versehen mit einem entsprechenden Kommentar. Die Veröffentlichung erfolgte am 26. Juni 2000 in Rom, knapp 20 Jahre nach den entscheidenden Ereignissen von 1983. Von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kann somit eindeutig nicht die Rede sein. Die in einer schwer deutbaren Symbolsprache vorliegende Botschaft aus dem Jahre 1917 auszulegen, daran hatte sich bislang niemand herangewagt. Schon gar nicht Schwester Lucia selbst, wie auch keines der Oberhäupter der katholischen Kirche. Es wurde zur Aufgabe und Herausforderung des wahrscheinlich besten Theologen unserer Zeit. Im Jahr der Veröffentlichung schreibt also der damalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kard. Ratzinger den beauftragten „Kommentar zum Geheimnis von Fátima“ und wagt darin den folgenden „Versuch einer Auslegung des Geheimnisses von Fátima“: „Gehen wir nun etwas näher auf die einzelnen Bilder ein. Der Engel mit dem Flammenschwert zur Linken der Muttergottes erinnert an ähnliche Bilder der Geheimen Offenbarung. Er stellt die Gerichtsdrohung dar, unter der die Welt steht. Dass sie in einem Flammenmeer verbrennen könnte, erscheint heute keineswegs mehr als bloße Fantasie: Der Mensch selbst hat das Flammenschwert mit seinen Erfindungen bereitgestellt. Die Vision zeigt dann die Gegenkraft zur Macht der Zerstörung – zum einen den Glanz der Muttergottes, zum anderen, gleichsam aus ihm hervorkommend, den Ruf zur Buße. Damit wird das Moment der Freiheit des Menschen ins Spiel gebracht: Die Zukunft ist keineswegs unabänderlich determiniert, und das Bild, das die Kinder sahen, ist kein im voraus aufgenommener Film des Künftigen, an dem nichts mehr geändert werden könnte. Die ganze Schauung ergeht überhaupt nur, um die Freiheit auf den Plan zu rufen und sie ins Positive zu wenden. Der Sinn der Schauung ist eben nicht, einen Film über die unabänderlich fixierte Zukunft zu zeigen. Ihr Sinn ist genau umgekehrt, die Kräfte der Veränderung zum Guten hin zu mobilisieren. …“ Soweit die Worte des Kardinals.

Im Jahr 2000 lag das 20. Jahrhundert endlich abgeschlossen in der Vergangenheit. An den historischen Gegebenheiten war nichts mehr zu ändern. Dass der in diesem Jahr verfasste Kommentar des Joseph Kard. Ratzinger fromm ausfallen und zur katholischen Glaubenslehre nahtlos passen würde, war vorherzusehen und daher nicht weiter verwunderlich. Doch dass diese Auslegung durch seine fundierte Erklärung der Schauung, verbunden mit der zentralen Lehre, wie der Mensch die ihm geschenkte Freiheit jederzeit nutzen kann und soll, um sein Schicksal zu seinen Gunsten zu gestalten (Buße), also dass diese Auslegung geradezu zu einem „Geheimtipp“ erfolgreicher Lebensführung wird, dass unterstreicht die einzigartige Qualität dieser Arbeit. Wenn dem nicht so wäre, hätte der Kardinal schon von jenem Interview aus dem Jahre 1998 Kenntnis haben müssen, dessen Inhalt sich dank der Veröffentlichung des russischen Wochenmagazins „Wlast“ allmählich in der ersten Hälfte der neuen Dekade in der Weltpresse verbreitete, und dennoch relativ unbekannt blieb. In jenem Interview enthüllte Generaloberst Juri Wotinzew einen bis dahin wegen politischer Spannungen mit dem Westen streng geheim gehaltenen Vorfall in der untergegangenen Sowjetunion. 1983 war er der Vorgesetzte von Oberstleutnant der Sowjetarmee Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow gewesen. Am 25. September 1983 verabschiedet sich Petrow von Frau Raissa und den beiden Kindern und tritt um 20 Uhr als leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung im Serpuchow-15-Bunker, gut 50 Kilometer südlich von Moskau gelegen, seine Schicht an. Obwohl ranghoher Offizier, blieb Petrow als studierter Ingenieur innerlich aber Zivilist. Er war von Anfang an dabei gewesen, als das Satelliten-Frühwarnsystem „Oko“ realisiert wurde, die erforderlichen Computerprogramme sowie das zu ihrer Bedienung notwendige Handbuch waren unter seiner Leitung entstanden. Für Petrow war sein Beruf sein Traumjob. „Ich war so glücklich, als ich erfuhr, dass ich mit dem Kosmos zu tun haben würde“, beschreibt er einmal seine damalige Stimmungslage. Doch vom 25. auf den 26. September, vermutlich kurz nach Mitternacht gegen 00.40 Uhr muss Petrow den schlimmsten Alptraum seines Lebens durchleben. Plötzlich jaulen in der Kommandozentrale die Sirenen, und auf dem großen Kontrollschirm vor ihm leuchtet in roten Buchstaben das Wort START. Das Satellitensystem Kosmos 1382 hat den Abschuss einer Atomrakete von einer US-Basis registriert, direkt im Anflug auf die Sowjetunion! Im Serpuchow-15 Bunker starren jetzt 200 aufgesprungene Soldaten auf den leitenden Oberstleutnant. Ruhe bewahren, jetzt nur keine Panik unter der Mannschaft. Petrow erhebt sich von seinem Pult, sodass jeder seiner Untergebenen ihn sehen kann, und schreit durch den Kommandoraum: „Hinsetzen! Weiterarbeiten!“ Der Offizier selbst bleibt ruhig. Er muss in diesem Augenblick an Teelöffel denken, dass niemand einen Wassereimer langsam mit einem Teelöffel auslöffelt. Würden die USA gegen die Sowjetunion den nuklearen Erstschlag führen, so denkt Petrow, dann mit der geballten Vernichtungskraft hunderter Raketen gleichzeitig. Zudem weiß   Petrow von der Unzuverlässigkeit der Satelliten, hervorgerufen durch die Einwirkung kosmischer Strahlung. Seine Einschätzung in dieser Situation: Ein Fehlalarm! Doch wenig später meldet das Satellitenüberwachungs-system den Start weiterer vier feststoffgetriebener Raketen, ebenfalls geradewegs auf die Sowjetunion zusteuernd. Petrow steht unter enormen Druck. Seine Anweisungen für den Ernstfall sind präzise und klar, es bleiben ihm nur weniger als zehn Minuten, um die Raketen zweifelsfrei zu identifizieren und seinen Vorgesetzten im sowjetischen Oberkommando zu informieren. Das bodengestützte sowjetische Radar hatte eine viel zu kurze Reichweite, als dass es ihm bei dieser Entscheidung als weitere Informationsquelle dienen kann. So bleibt Petrow bei seiner einsamen Entscheidung, den Vorfall nicht weiter zu melden.  „Nur: Sicher war ich mir in dem Moment natürlich nicht“ so Petrow in einer späteren Erinnerung.  Minuten danach erst bestätigen die Radarsysteme seine Einschätzung:  Kein einziger Einschlag erfolgte! Er hatte die Lage richtig eingeschätzt. Eine richtige Entscheidung, die wohl wichtigste des 20. Jahrhunderts. Oberstleutnant Petrow traf sie, und nicht der sogenannte mächtigste Mann der westlichen Welt, oder der Kremlführer, oder sonst ein Führer. Doch die psychische Anspannung zehrte ihn aus. Wie das Magazin Wlast weiter berichtet, verbringt er mit schweren Stresssymptomen, von posttraumatischem Belastungssyndrom spricht man heute, mehrere Monate im Krankenhaus, bevor er aus dem Militärdienst ausscheidet.

Oberstleutnant Petrow tat in dieser Situation das, was ein Militär niemals tun darf: Er vertraute seinem Gefühl. „Die Welt kann froh sein, dass ich in dieser Nacht das Kommando geführt habe – und kein dumpfer Militär“ so Petrow. Ein lupenreiner Offizier hätte vermutlich anders entschieden, streng nach Vorschrift: Einen knappen Monat zuvor hatte das Sowjetmilitär eine Passagiermaschine der Korean-Airlines, Flug 007, in der irrigen Annahme abgeschossen, es wäre ein zurückgekehrter, amerikanischer Aufklärer. Der Pilot des Koreanischen Jets hatte sich einige hundert Kilometer in den sowjetischen Luftraum verirrt. 269 Menschen starben in rund 10.000 Metern Höhe. So sehr nervös waren die Finger am Abzug in jenen Tagen. Der Kalte Krieg erlebte 1983 einen „zweiten Frühling“, einen neuen Höhepunkt, nachdem Kennedy und Chruschtschow in der Kuba-Krise von 1962 die erste Zuspitzung mit Beinahekatastrophe gerade noch in den Griff bekamen. Im Wesentlichen – durch gegenseitiges Vertrauen! 1983 war dieses Vertrauen restlos am Boden. Zuvor hatten die Sowjets mehr als 400 moderne Raketen des Typs SS-20 aufgestellt, die NATO antwortete mit Pershing-II-Raketen in Europa. In Washington regierte seit Kurzem der vielleicht unfähigste Präsident der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, eigentlich ein mittelmäßiger Schauspieler. In Moskau der ans Krankenbett  gefesselte Sowjetführer Juri Andropow. Die Lage war gespannt wie nie zuvor. Für den Westen war der Abschuss der koreanischen Linienmaschine eine fürchterliche Provokation, für den Osten die Vorbereitung des NATO-Manövers Able Archer 83, in dem östliche Geheimdienste wegen seines hohen Geheimhaltungs- und Realismusgrads die reale Vorbereitung eines Nuklearschlags sahen, nackte Existenzbedrohung. „Niemals war die Welt der atomaren Vernichtung näher als in dieser Nacht“, führt Bruce Blair aus, US-Abrüstungsexperte und späterer Chef des World Security Institute. „Die oberste sowjetische Führung hätte, wenn sie über einen Angriff informiert worden wäre und da sie binnen Minuten einen Entschluss fällen musste, die Entscheidung für einen Vergeltungsangriff getroffen“, so Blair weiter. Doch es wäre kein Vergeltungsangriff gewesen, es wäre der Atomkrieg aus Versehen geworden. Vermutlich wurden, von Wolkenformationen reflektierte, Sonnenstrahlen genau in das Objektiv des Kosmos 1382 Satelliten gelenkt, welcher eine amerikanische Raketenbasis überwachte. Die Lichtblitze deutete das Satellitensystem als Raketenstarts. In Wirklichkeit gab es keine Raketen in der Luft, der „Angriff“ war lediglich eine Fata Morgana in den Köpfen der Militärs, befeuert von ungeheuerem Misstrauen. Die Bewertung dieser unsicheren Situation, und die daraus resultierende  Schlussfolgerung, aber lag allein in Herz und Verstand von nur einem einzigen Menschen, in den wenigen entscheidenden Minuten am frühen Morgen des 26. September 1983, jenen Minuten, in denen Himmel und Erde sich berührten.

Stanislaw Petrow lebt als Rentner zurückgezogen und einsam in dem Moskauer Vorort Frjasino. Seine Entscheidung von 1983 hätte ihn den Kopf kosten können, er wurde lediglich getadelt, weil er während des Alarms vergaß, seine Beobachtungen ins Dienstbuch zu schreiben. Zweimal ausgezeichnet wurde Petrow allerdings vom Westen, dem ehemaligen Klassenfeind. Zuletzt in New York mit dem World Citizen Award. Und zusätzlich eintausend Dollar brachte ihm seine Entscheidung ein. An seiner Küchenwand hängt eine Karte des ihn immer noch ergreifenden  Sternenhimmels. Welch ein Zufall, direkt neben einer alten Marienikone.

Als im Herbst des vergangenen Jahres Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag sprach, verließen vor Beginn seiner Rede etliche Abgeordnete den Plenarsaal. Warum? Weil sich diese „Realpolitiker“ den Einsichten des Pontifex überlegen fühlen? Ich frage mich ernsthaft, in welchem Maße sind denn ein paar Wirtschaftswunderkinder auch nur ihren politischen Vorgänger(inne)n überlegen, die zu Beginn der neuen Bundesrepublik zunächst ein Grundgesetzt verfassen mussten? Und sie leiteten es zuvorderst, noch in der Präambel, mit den Worten ein: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ Warum taten die Politiker(innen) der ersten Stunde das? Weil sie aus einem wahnsinnigen Krieg unter einem mörderischen Regime kamen und zur tiefsten Einsicht gelangt waren, dass Weltgeschehen und Politik ohne den  Glauben in den Abgrund menschlichen Daseins führen? Dass da ein Gott ist, der Herr der Geschichte, vor dem man in der Verantwortung steht, den man aber Bitten kann, ja sogar muss, und zwar allerspätestens dann, wenn uns diese Welt, die große wie auch unsere eigene kleine Welt, um die Ohren zu fliegen droht? Welches Verständnis von Weltgeschehen, und in der Folge von Politik haben diese Wirtschaftswunderkinder denn eigentlich? Können sie etwas, das über die Tragweite des Baus einer Umgehungsstrasse in ihrem Wahlkreis hinausgeht überhaupt richtig einordnen und beurteilen? Freilich, solche Einsichten liegen oftmals im Verborgenen, im Dunklen des Geschehenen versteckt. Sie kommen aber zum Vorschein, zeichnen sich ab, wenn man Glaubensbotschaft und Weltgeschehen „übereinander legt.“ Wenn einst Krieg als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln definiert wurde, so könnte man’s doch in diesem Jahrhundert mal mit dem Glauben als der Fortsetzung von Krieg und Politik mit nochmals anderen Mitteln probieren! Die Überzeugung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit wäre heute gefragter denn je, an allen  Schalthebeln der Macht, nicht nur in der Politik!!!

Im Alten Testament wird uns an vielen Stellen ein strafender Gott, ein furchterregender Gott vorgestellt. Am eindrucksvollsten wahrscheinlich in der Darstellung der Sintflut. Im Neuen Testament erfolgt dann ein dramatischer Wandel: Die Bergpredigt lesen wir dort zum Beispiel. Glaube, Hoffnung und Liebe ersetzen das Bild des strafenden Gottes. Und endlich, der Blick auf das aktuelle Weltgeschehen ruft eine Ahnung hervor. In einer Zeit der Gottesfinsternis, in einer wieder mal kalt, erbarmungslos, grausam gewordenen Welt der nackten materiellen Gier, welche an jedem neuen Tag nur noch die Selbst- und Umweltzerstörung betreibt, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, wieso erfahren wir in solch einer Welt einen Gott, einen Vater, der alles dafür tut die Menschheit zu retten und zu erhalten? Ist es am Ende die pure Liebe, eine letzte, zärtliche Berührung seiner Seelen in unendlicher Traurigkeit, bevor ihm so viele davon verloren gehen? Das wäre auch wieder so eine Frage an den ehemaligen Kardinal, nunmehr das Oberhaupt der Katholischen Kirche, Benedikt XVI. Eine Frage, welche die Kernbotschaft von Fátima betrifft: S. O. S. – rettet eure Seelen. Denn sicher wissen wir mittlerweile nur eines: „Die einzigen Waffen, die uns bleiben werden, sind der Rosenkranz und das Zeichen, das der Sohn zurückgelassen hat.“

Günter Stumfoll
Ostern 2012

2 Gedanken zu „Fatima“

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