Wallstreet

„Gier ist gut, Gier ist richtig. Gier funktioniert. Gier schafft Klarheit, Gier trennt das Wichtige vom Unwichtigen, Gier ergreift das Wesen der Zukunft. Gier, in all ihren Formen – als Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, nach Wissen – hat das Beste im Menschen hervorgebracht. Und Gier, Sie werden sich noch an meine Worte erinnern, wird nicht nur diese Firma, sondern auch noch ein anderes angeschlagenes Unternehmen retten, nämlich die Vereinigten Staaten.“

 Die heute zum Kult gewordene Ansprache des Millionärs und Spekulanten, Gordon Gekko (grandios und Oscar reif gemimt von Michael Douglas in Oliver Stones berühmten Film „Wall Street“ aus dem Jahr 1987) erinnert an das Auftreten eines Laienpastors, eines Erweckungspredigers, der eine frohe Botschaft zu verkünden hat. Diese Ansprache, ja letztendlich die gesamte filmische Handlung ist aber heute, gut zwanzig Jahre später, vor allem eines geworden: Brutalst mögliche Realität!

Oliver Stone wollte diesen Film lediglich seinem verstorbenen Vater widmen, einem an der Börse tätig gewesenen, besonnenen älteren Broker. Und thematisierte dazu die moralische Verkommenheit skrupelloser Spekulanten an der New Yorker Börse – als Gegenpol sozusagen. Doch seit nun mehr als zwanzig Jahren dient, so heißt es oft, Gekko den leibhaftigen Spekulanten an der Börse, den Gier-Managern von Hedgefonds, Private-Equity-Firmen, von ausgewählten Institutionen der global agierenden Finanzbranche als Idol.

Kann aber ein einziger Film das Verhalten ganzer Gruppen wirtschaftlich tätiger Menschen so nachhaltig prägen? Wohl kaum! Was ist in den letzten 20 Jahren passiert, das uns heute in die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit 80 Jahren gestützt hat?

Vor einigen Jahren, auf der Fahrt in der S-Bahn, musste ich notgedrungen dem Gespräch zweier Mütter lauschen. Ich kann es fast noch wörtlich wiedergeben, so beeindruckt war ich am Ende. Es war Anfang Oktober, das neue Schuljahr hatte gerade begonnnen. „Ja“, sagte die erste Mutter, „für unseren Sohn ist das heuer das wichtigste Jahr, er wird in diesem Schuljahr sein Abitur machen.“ „Ahh“, entgegnete die zweite Mutter, „unser Sohn ist im nächsten Jahr dran. Aber er legt heuer schon in der Vorprüfung ein paar Fächer ab, damit er sich im nächsten Jahr ganz auf die Leistungskurse konzentrieren kann. Vor allem Religion hat er heuer nicht mehr genommen.“ „Das hat mein Mann auch zu unserem Sohn gesagt, dass er sich auf das Wesentliche konzentrieren soll“, erwiderte die erste Mutter. „Unser Sohn nimmt schon seit ein/zwei Jahren nicht mehr am Religions- oder Ethik-Unterricht teil. Wissen Sie, die Kinder müssen sich bei den Anforderungen heutzutage ganz auf die Leistungsfächer konzentrieren. Die dürfen sich einfach nicht mehr mit solch unwichtigen Nebenfächern verzetteln.“

Meine Gedanken schweiften ab. Religion, Ethik, als ich im Abiturjahr war durfte man auch wählen, aber eines von beiden Fächern war Pflicht. Und es drängte sich mir die Frage auf: Spätere Führungskräfte, hervorragend ausgebildet in Naturwissenschaften, Sprachen, Wirtschaft, aber charakterlich -moralisch praktisch nur im Kindesalter geschult, ggf. sogar nur mit dem ausgestattet was vom Elternhaus mitkam, wie wird die Wirtschaft in einigen Jahren wohl aussehen? Ich fand keine Antwort, nur ein etwas beklemmendes Gefühl.

Gute Politiker sind Menschen, die ein ausgesprochen feines Gespür für die gedanklichen Strömungen in ihrem Volk haben. Sie wissen genau, was politisch machbar ist und was nicht. Man könnte fast sagen, sie bilden den Schwerpunkt des politischen Willens ihres Volkes oder mindestens eines Teils davon. Ein solcher Politiker war zweifellos Konrad Adenauer. Im September 1960 sprach er einmal beschwörend folgende Erkenntnis aus: „In unserem Volk steckt etwas drin, es will mehr und mehr und mehr haben. Es gibt kein unzufriedeneres Volk. Mir wird es eng ums Herz, wenn ich daran denke, was einmal aus dem deutschen Volk werden soll, wenn das nicht anders wird.“

Ein anderer brillanter Politiker aus jenen Jahren, der bis heute wegen seiner äußerst erfolgreichen „Wohlstand für alle“ Politik hoch angesehene und stets aktuelle Ludwig Erhard sagte wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 1977 zu seinem evangelischen Bischof, welcher ihn noch besuchte, die bewegenden Worte: „Ich wollte mit dem Wohlstand den Deutschen helfen. Ich wusste nicht, dass ich die Geldbeutel fülle und die Altäre leere.“

Da haben wir’s wieder! Leere Altäre und pralle Geldbeutel, oder klassisch ausgedrückt: Gott oder Mammon – der Tanz ums goldene Kalb. Das uralte Dualitätsproblem des Menschen. Auf dieser Basis sollten wir uns jetzt, vor Ostern, über Glaube, Wirtschaftskrise und über die letzten 20 Jahre ein paar Gedanken machen.

Zunächst möchte ich aber eines ganz klar herausstellen:

Freude am Beruf, Können in unserem persönlichen „Handwerk“, gesunder wirtschaftlicher Ehrgeiz und Streben nach wirtschaftlichem Erfolg sind richtig und wichtig. Sie haben dieses Land weit gebracht und werden heute, gerade auch in vielen europäischen Nachbarländern anerkannt und sogar geschätzt. Null Bock Mentalität ist falsch. Brutal wird es aber, wenn gesundes wirtschaftliches Streben pathologisch wird, also entartet.

Zurück zum Gedankenansatz im „Gespräch der beiden Damen“: Bei nicht wenigen Eltern, die es in den Wirtschaftswunderjahren zu Wohlstand gebracht haben, hat sich dieses mehr und mehr und mehr haben wollen eingeschlichen. Das bedeutete in erster Linie natürlich auch, dass die eigenen Kinder wirtschaftlich noch erfolgreicher und noch angesehener werden sollten. Ein schnelles Abitur und danach ein zügiges Studium in Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Betriebswirtschaft oder Jura. Natürlich alles mit Bestnoten! Mehr haben viele Eltern doch gar nicht verlangt. Denn danach sollte der Nachwuchs zum funkelnden Brillianten im MBA Studium (Master of Business Administration) an einer Eliteuniversität geschliffen werden. Idealerweise in Amerika (Harvard, Berkeley, Carnegie Mellon, MIT, Princeton), aber auch europäische Spitzeninstitute wurden nicht verachtet. Als Abschluss, Sie können es sich denken, wurde schon ein Prädikatsabschluss erwartet. Denn damit kann die Party jetzt steigen. Solche „high potentials“ bewerben sich nicht, nein, sie werden von renommierten, internationalen Firmen, vorzugsweise aus der Finanzbranche, schon vor dem Studienabschluss „gejagt“. Die Leistungsanforderungen sind natürlich exorbitant (7-Tage-Wochen bei wenig Schlafstunden sind nicht außergewöhnlich). Die Erfolgsvergütung (sog. Bonuszahlungen) sind es aber ebenso. Natürlich nicht gleich in zwei bzw. sogar dreistelliger Millionenhöhe, so greifen vorerst nur die Vorstände zu. Leben, Zeit für Freunde oder gar Familie, einfach zu sich finden, das bleibt den „jungen Brillianten“ verwehrt. Aber sie wissen, dass sie zur Elite gehören, sich deutlich von den gewöhnlichen Menschen unterscheiden (vor allem einkommensmäßig) und den „Abstand“ wahren müssen. Später, sollten die „Abstandswahrer“ es in irgendeinen Vorstand geschafft haben, werden sie Einladungskarten zu gesellschaftliche Anlässen sehr genau lesen und ganz bestimmt ablehnen, wenn sich auch nur eine Person der zweiten Führungsebene unter den Eingeladenen befindet. Doch was haben die jetzt überaus stolzen Eltern (solche Eltern gibt es in vielen Ländern, das lässt sich internationalisieren), die für die Ausbildung ihres Nachwuchses wirklich keine Mühen und vor allem Kosten gescheut haben, bekommen? Doch wohl nur lauter Gordon Gekkos, oder? Und die ganze Gesellschaft „profitiert“ gleich mit davon. Trotz guter Gewinne in den Großkonzernen tausende von entlassenen Mitarbeitern, Verarmung der Mittelschicht, Staatsverschuldung in Rekordhöhe, bedrohte Währungen, das ganze volle Programm.

Mein Gott! Wissen wir es denn nicht besser? Müssen wir denn jede schlechte Erfahrung mit gebührendem zeitlichem Abstand immer wieder neu machen? Immer wieder vom Gott gegebenen Menschenbild krass abweichen? Wir wüssten es besser, wenn auch die „Abstandswahrer“, die „Gordon Gekkos“ den Glauben hätten, und wenn sie dadurch auch mal lesen würden, was z. B. schon ein Martin Luther niederschrieb:

Ihr nennt mich Meister –

und fragt mich nicht.

Ihr nennt mich Licht –

und seht mich nicht.

Ihr nennt mich Wahrheit –

und glaubt mir nicht.

Ihr nennt mich Weg –

und geht mich nicht.

Ihr nennt mich Leben –

und begehrt mich nicht.

Ihr nennt mich weise –

und folgt mir nicht.

Ihr nennt mich schön –

und liebt mich nicht.

Ihr nennt mich reich –

und bittet mich nicht.

Ihr nennt mich ewig –

und sucht mich nicht.

Ihr nennt mich barmherzig –

und traut mir nicht.

Ihr nennt mich edel –

und dient mir nicht.

Ihr nennt mich allmächtig –

und ehrt mich nicht.

Ihr nennt mich gerecht –

und fürchtet mich nicht.

Erlebt ihr die Folgen eures Tuns –

so beklagt euch nicht!

Eine ernste Mahnung! In der Tat, wir Menschen bekommen meist das, was wir erstreben. Doch woher wissen wir denn, dass es uns auch gut tut, wo wir doch beim Blick in unsere Zukunft blind wie die Maulwürfe sind? Ganz gefährlich wird es, die nächste Generation gottlos, nur dem eigenen ich verbunden, egozentrisch und selbstverliebt großzuziehen, und zu systemkonformen Robotern zu machen. In Kaderschmieden zu sog. Eliten auszubilden. Eliten, schon der Name ist Programm, heißt doch die Menschen zu trennen, zu klassifizieren in oben und unten, in besser und schlechter, oder wie immer man sonst noch unterscheiden will. Das ist nicht von Gott gewollt! Eliten sind unmenschlich. Wenn Sie sich die Geschicht mal im Zeitraffer vor Augen führen, die Babylonier, die Ägypter, die Griechen, die Römer, die König- und Kaiserreiche des Mittelalters, die Neuzeit, die großen Diktaturen des vorigen Jahrhunderts in Deutschland, der Sovietunion und China, die politischen und wirtschaftlichen Eliten in den verschiedenen Ländern unserer Zeit (Afrika, Asien und Latainamerika), immer läuft es darauf hinaus, dass die herrschende Elite die ihr anvertrauten Menschen unterdrückt, ausbeutet und letztlich versklavt, ihnen jedenfalls die Gott gegebene Freiheit vorenthält, welche sie selbst im Übermaß zu genießen sucht. Der Absolutismus des Sonnenkönigs Ludwig XIX nur als ganz kurzes Beispiel: Viele französiche Bauern wurden durch die weit überzogene Abgabenlast so arm, dass sie sich keine Arbeitstiere mehr leisten konnten, und ihre Pflüge daher selbst ziehen mussten, während am Hof des Sonnenkönigs in abartiger Weise geprasst wurde. Genau das meine ich.

Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise passt wirklich gut in dieses Schema. Ihre Ursachen, die menschlichen Abgründe. Menschen können Menschen unendlich leiden sehen.

Gott, der Vater aller Menschen, kann das nicht! Denn die Strafe auf Golgatha für seine Kinder, welche er über alles liebt, trug er lieber selbst – Hohn, Folter, Kreuzigung und Tod. Was für eine tief ergreifende Aussage: „… dass ich gezögert hätte, eines meiner Geschöpfe zu opfern, wenn dies ausgereicht hätte, die Sünden der anderen Menschen durch ein meinem Sohn ähnliches Leben und einen ähnlichen Tod zu sühnen. Warum? Weil ich meine Liebe verraten hätte, wenn ich ein anderes Geschöpf das leiden ließe, anstatt selbst zu leiden in meinem Sohn. Niemals hätte ich meine Kinder leiden lassen wollen.“ Das gibt einen sehr, sehr tiefen Einblick in die Beziehung unseres Schöpfers, des Vaters zu den Menschen.

Was verlangt er eigentlich für seine Vaterliebe? Er möchte mit Namen VATER genannt werden, wie beim VATER UNSER. Er möchte auch erkannt, geliebt und vor allem geehrt werden, als der liebevollste und zärtlichste aller Väter, und nicht als der strafende Gott des Alten Testaments. Er will Zugang zu den Herzen seiner Geschöpfe. Und er will die treue Befolgung der 10 Gebote, die er seiner Kirche hinterlassen hat, denn wir sollen uns wie vernunftbegabte Geschöpfe benehmen und nicht den Tieren gleichen in unserer Disziplinlosigkeit und unseren schlechten Neigungen.

Ist das nicht ein großer Unterschied zu dem, was die Welt uns abverlangt? Herrscht nicht überall dort und wahrscheinlich gerade deshalb in Ländern und Regimen, wo krasse Unmenschlichkeit an der Tagesordnung ist und auffälligerweise meist auch die Weltherrschaft angestrebt wird, striktes Religionsverbot? Und natürlich krasse Feindschaft mit Gott? Denken Sie mal nach: Zeichnet sich am zeitlichen Horizont nicht schon ein neues „System“ ab, neu in dem Sinne, dass die brutalen Knechtungsmechanismen Diktatur und reinrassiger Kapitalismus in diesem Jahrhundert erstmals zusammenzuwachsen drohen? Und noch eins: Die Forderung nach Einhaltung der Gebote scheint mir sehr pragmatisch, denn praktischerweise hält man damit weitestgehend auch die staatlichen Gesetze ein. Fällt Ihnen auf, was in jüngster Zeit alles ans Licht der Öffentlichkeit und vor die Richter kommt? Lange zurückliegende Kriegsverbrechen, Waffenschiebereien, Bestechungen, Korruption in Politik und Wirtschaft, Steuerhinterziehungen, ja selbst der Missbrauch Jugendlicher in kirchlich geführten Einrichtungen.

Müssen wir uns bei all dieser Bedrohung nicht geradezu unter das Kreuz Jesu Christi werfen? Denn der Vater hat das Kreuz von Golgatha in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt. An ihm scheiden sich die Geister. Dort gilt es, eine Entscheidung von weittragender Bedeutung zu treffen. Dieses Kreuz will unserem Leben Ziel und Inhalt geben, will uns für die Ewigkeit in Sicherheit bringen.

Wer an diesem Kreuz noch nicht stillgestanden und eine Umkehr vollzogen hat, dessen Leben ist ohne Hoffnung, plan- und ziellos. Er gleicht einem Schiff ohne Steuerruder, das hin und her getrieben wird. Das Kreuz ist der Fels in der Brandung des Weltgeschehens, unerschütterlich und unverrückbar. Mögen die Menschen und Zeiten sich ändern, das Kreuz von Golgatha bleibt dasselbe. Von vielen geleugnet oder verachtet, behält es seine Kraft und seine Ewigkeitsbedeutung.

Auf der einen Seite ist es das Denkmal der Sünde des Menschen, dessen Hass gegen den Sohn Gottes dort seinen höchsten Ausdruck fand. An diesem Kreuz starb der Herr Jesus für fremde Schuld und übte der Vater Gericht an ihm über unsere Sünden.

Andererseits strahlt die Liebe des Vaters zu dem verlorenen Menschen von dort in die Welt hinein wie niemals zuvor. Dort wurde der Weg zu Gottes Vaterherzen gebahnt, und jeder, der in Buße und Glauben seine Zuflucht zu dem gekreuzigten Heiland nimmt und ihn als seinen Retter annimmt, empfängt Vergebung seiner Schuld, Frieden mit dem Vater und ewiges Leben.

„Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.“ 1. Korinther 1, 18

Günter Stumfoll
Ostern 2010

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