Nichts

Was bedeutet es, zu sterben und neu geboren zu werden? Was geschieht da mit uns? Was heißt mit Christus gestorben? Wie handelt dabei der Heilige Geist mit uns und an uns? Was geschieht in Zeiten der Dürre, Trockenheit und Leere. Woher nehmen wir die Kraft, viele Entbehrungen zu ertragen? Versteht ihr, was es bedeutet, eins zu sein? (Johannes 17)

Madame Guyon unterscheidet drei Wege zu Gott. Den aktiven Lichtweg, den passiven Lichtweg und den Nachtweg.Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Nachtweg. Es ist der Weg des Sterbens und Wiederauferstehens in Christus. Ich nenne ihn den Weg ins Nichts.

Auf dem Nachtweg, dem Weg ins Nichts, wird der Mensch nach und nach entblößt:2

Der Herr nimmt uns unseren Schmuck.

Der Herr nimmt uns unsere Kleider.

Der Herr nimmt uns unsere Schönheit.

Schmuck Mit Schmuck wegnehmen meint Madam Guyon unsere Gaben und Fähigkeiten. Der Heilige Geist offenbart dem Menschen, dass er gar nicht so reich ist, wie er meint. Schonend bringt er ihm bei, dass seine Reichtümer eigentlich nicht ihm gehören, sondern dem Herrn. Ihm wird bewusst, dass der Herr damit machen kann, was er will. Der Heilige Geist lässt den Menschen erkennen, dass seine Mitmenschen viel begabter und fähiger sind als er. Warum tut er das? Der Reiche und der Begabte schauen auf sich, nicht auf den Bräutigam und versäumen es, ihm zu folgen. Welche große Eigenliebe ist da vorhanden? Die Gnadengaben, die er vor sich hergetragen hat, werden ihm nun wieder genommen. Er muss seiner Eigenliebe absterben. Es schmerzt ihn, dass der Herr ihm seine Reichtümer wieder wegnimmt.

Der Heilige Geist macht ihm dadurch seine Abhängigkeiten und ungesunden Neigungen deutlich. Er dachte sie schon überwunden zu haben, aber sie erwachen jetzt von neuem. Der Herr nimmt ihm nach und nach immer mehr Überflüssiges weg. Klagend richtet er seinen Blick zum Herrn.  Auf dem Weg ins Nichts wird ihm immer mehr weggenommen. Die Wohltaten des Bräutigams werden immer seltener. Früher hat er die unermessliche Größe des Herrn und seine Kraft kennengelernt. Daraus resultiert seine Empfindung, ohne den Herrn nichts zu sein. Aber diese Empfindung muss selbst noch absterben, um mit Christus gestorben und begraben zu sein. Befreit von manchen Abhängigkeiten und manchem Überflüssigem, ist er ganz zufrieden, wie Hans im Glück, und kann jetzt freimütig bekennen: Ich habe nichts. Alles, was ich habe, gehört dem Herrn.3

Kleider Wenn es nun an die Kleider ablegen geht, wird der Mensch ganz entblößt und bloßgestellt. Schonungslos und gewalttätig – wie Jesus es selbst erdulden musste (Johannes 19,23). Der Mensch kennt sich selbst noch viel zu wenig. Er muss seine Verhüllungen ablegen, damit seine wahre Gestalt sichtbar wird. Alles, woran er Freude gefunden hatte, wird ihm weggenommen: seine guten Werke, sein Almosen geben, seine Unterstützung der Hilfsbedürftigen und Kranken, die Bußübungen, der Gottesdienst, sogar das Gebet. Er spürt seine Unfähigkeit, diese guten Taten fleißig auszuüben. Er will nicht mehr unter die Leute, die ihn schon als Gefallenen betrachten. Er kämpft dagegen, weiter unterzugehen. Seine Versuche, wieder aufzustehen, scheitern kläglich. Es sind schmerzhafte Erfahrungen. Mit der Zeit verzagt er an sich und wird kraftlos. Der unermessliche Abstand zwischen Gottes Reinheit und seiner Unreinheit wird ihm immer mehr bewusst.  Er wird sich selbst gegenüber misstrauisch und beginnt sich selbst zu verachten. Er sehnt sich danach, mit dem Herrn eins zu werden. In diesem Zustand kommt er zu der Erkenntnis: Ich kann nichts. Ohne die Hilfe des Herrn bin ich verloren.4

Schönheit Bisher reinigte der Herr auf der Oberfläche, ohne in den Grund vorzudringen. Jetzt macht sich der Herr daran, die Unreinheit in unserem Grund zu säubern. Diese Reinigung dauert, je nach Stärke und Verschmutzung unterschiedlich lang. Sie ist vergleichbar mit der Reinigung eines Pinsels oder Schwammes. Um die Farb- oder Schmutzreste aus dem Innersten herauszubekommen, müssen der Pinsel oder der Schwamm immer wieder ganz ausgedrückt werden – so lange, bis alle verborgenen Verunreinigungen beseitigt sind. Es sind sehr belastende Erfahrungen mit uns selbst notwendig, um unsere eigene, tief verborgene Verdorbenheit aufzudecken.  Wir erkennen unsere Untreue. Wie schnell fahren wir wegen Kleinigkeiten aus der Haut ? Wie sehr müssen wir ständig mit unseren Trieben und Neigungen kämpfen? Wie schnell werden wir beleidigend? Wir spüren, dass wir nichts vertragen können. Wir lernen unser Innerstes nun wirklich kennen und beginnen darum, uns  selbst zu hassen. Dies ist nach Madame de Guyon der einzige Weg zur wahren Reinigung.

Insbesondere müssen wir von unseren angeblich göttlichen Tugenden gereinigt werden. Sie sind für Gott alle nicht zu gebrauchen. Alle sind sie verunreinigt durch Eigenliebe, Stolz, Darstellungssucht, Angeberei, Egoismus. Meine Demut, Sanftmut, Barmherzigkeit, Liebe, Reinheit, Geduld – nichts davon ist für Gott zu gebrauchen.

Der Heilige Geist lässt uns unsere eigene Hässlichkeit deutlich erkennen. Überall wo wir nun tätig werden, finden wir nur Mittelmäßigkeit und Versagen. Wir erkennen immer deutlicher, dass wir uns nicht auf unsere eigene Kraft verlassen können.  Wir werden schwach und hilflos. Unsere Wünsche, Begierden, Abneigungen, unser Widerwillen, Egoismus, Besserwissen sterben nach und nach ab. Nun erwarten wir alles vom Herrn.

Denn der Herr hat uns entblößt, um uns mit sich selbst zu bekleiden. Erst wenn wir unsere eigenen Kleider abgelegt haben, sind wir bereit, Jesus Christus anzuziehen.  Wir müssen sterben, damit der Herr unser Leben sein kann. Wir müssen unsere Seelen verlieren, damit der Herr unser Leben sein kann. (Matthäus 10,39;16,25) In dem Zustand der Vernichtung unsere Seins erkennen wir: Ich bin nichts. Es gibt nichts, was ich dem Herrn bringen könnte.

Sterben Nachdem der Mensch alles verloren hat, muss er auch noch sich selbst verlieren. Er wandert ziellos umher, er findet an nichts mehr Geschmack und das Gefühl seiner Untreue schmerzt ihn. Verstand, Wille und Erkenntnis sterben immer mehr ab. Zuletzt wird ihm die Gewissheit genommen, ein Kind des HERRN zu sein. Er verliert alles, was er liebgewonnen hatte. Alles muss begraben werden, verwesen und völlig vernichtet werden. Er muss ohne aktiv zu werden sich bestatten, begraben und auf sich treten lassen. Er muss den Verwesungsgeruch ertragen und zu Staub werden. Der neue Mensch erwächst dann aus einem Keim, der verborgen im seinem Staub übriggeblieben ist.5

Eins werden Madam Guyon vergleicht den Weg des eins werdens, den Weg ins Nichts, mit dem Lauf der Flüsse und Ströme ins Meer. So wie es den Menschen zum Herrn hinzieht, fließen die Flüsse von ihrer Quelle ununterbrochen dahin, bis sie mit dem Meer eins geworden sind.  Nichts kann sie aufhalten. Sie stürzen steil herab, fließen zusammen, schleppen Lasten mit sich, werden durch Ufer eingeengt.  Sie überwinden unterschiedliches Gefälle, winden sich durch die Landschaften und lassen sich nicht aufhalten. Manche fließen schnell, andere dagegen gemächlich und langsam.  Wenn ein Strom ins Meer fließt, unterscheidet er sich noch an der Mündung vom Meer. Aus der Luft sieht man die unterschiedlichen Farben und Bewegungen des Stromes und des Meeres. Erst nach und nach verliert der Strom seinen eigenen Charakter. Der Strom wird durch nichts mehr eingeengt. Seine Bewegungen sind identisch mit den Bewegungen des Meeres.6

So wie der Strom seine Eigenständigkeit verliert, müssen auch wir unser eigenes Sein verlieren und eins werden mit dem Göttlichen. „Genau so, wie er aus sich selbst herausgezogen wird, um sich in dem Meer zu verlieren, so verliert auch der Mensch das Irdisch-Menschliche, um sich in das Göttliche zu verlieren, das von nun an sein Sein und Element wird, nicht auf irdische, sondern auf geheimnisvolle Weise. (1 Korinther 15, 36.50; Philipper 3, 21)“7

„Es ist ein vollkommenes Leben. Er „lebt nicht mehr“, er wirkt nicht mehr durch sich selbst (Hebräer 4, 10), sondern „Christus lebt“, handelt und wirkt „in ihm“. Und dieses Leben, Handeln und Wirken wächst fort und fort. So dass er vollkommen wird mit Gottes Vollkommenheit, reich mit seinen Reichtümern, liebend mit seiner Liebe.“8

„Wir wissen aber, dass den Liebenden, der Herr alles zum Guten wirkt, denen, die nach seinem Plan berufen sind“ (Römer 8,28)

1 Vgl. Madame J. M. B. de la Mothe Guyon, Die geistlichen Ströme, Originaltitel: LES TORRENS SPIRITUELS Köln, 1704 und 1720, vierte deutsche Auflage, erste vollständige Übersetzung von R.-F. Edel, Marburg a. d. Lahn 1978
2 Vgl. Die geistlichen Ströme, 46
3 Vgl. Die geistlichen Ströme, 46-48
4 Vgl. Die geistlichen Ströme, 48-50
5 Vgl. Die geistlichen Ströme, 50-61
6 Vgl. Die geistlichen Ströme, 6-8, 14, 19-20, 35-36, 58-59, 62
7  Die geistlichen Ströme, 62
8  Die geistlichen Ströme, 63

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