Frieden

Warum bekommen wir das mit dem Frieden nicht hin? Warum ist das so schwierig, Frieden miteinander zu halten. Schaffen wir Menschen es nicht gut miteinander auszukommen? Wie viel Kriege und wie viel Hass gibt es auf dieser Welt? Zwischen Ländern, ethnischen Gruppen, Andersglaubenden, Parteien, Nachbarn, Verwandten, Familienangehörigen. Kann man Frieden durch Gewalt herbeiführen?

Der Mensch will nicht beherrscht werden, er will nicht ungerecht behandelt oder missbraucht werden. Der Mensch will geliebt werden, er will frei sein, er will harmonisch und in Frieden leben.

Ist Frieden auf dieser Welt überhaupt möglich? Benötigen wir eine Weltpolizei zur Herstellung des Friedens? Wird der Friede erst erreicht, wenn die ganze Welt islamisiert ist? Soll man eingreifen, wenn Glaubensbrüder verfolgt und misshandelt werden? Ist der religiöse Pluralismus die Ursache für die Kriege? Was haben wir aus den Kriegen der Vergangenheit gelernt? Bietet uns Jerusalem die gottgewollte Möglichkeit, einen weltweiten Friedensweg zu beschreiten?

Der Begriff Frieden beinhaltet viele Aspekte. Drei Dimensionen scheinen mir wichtig: Frieden mit sich selbst, mit dem HERRN, mit den Mitmenschen. Shalom bezeichnet eine gottgewollte, ganzheitliche Harmonie. Frieden lässt sich auch als Abwesenheit von Krieg, Gewalt, Ausbeutung oder Unterdrückung beschreiben. Das Friedensnobelpreiskomitee zeichnet jährlich Persönlichkeiten oder Institutionen aus, die im vergangen Jahr der Menschheit einen großen Nutzen gebracht haben. Bei den Friedensbemühungen von Regierungen gibt es meist ein stufenweises Vorgehen. Sind Verhandlungen nicht erfolgreich, werden die Schwächeren oder Unterlegenen mit Sanktionen und Gewalt bedroht. Sind wirtschaftliche Sanktionen nicht erfolgreich, werden militärische Eingriffe vorbereitet. Wenn dies alles nicht abschreckend genug ist, wird versucht den Frieden militärisch herbeizuführen. Können Militärgewalt oder Gewaltverzicht den Terrorismus besiegen? Haben die Regierungen aus der Vergangenheit etwas gelernt? Setzt Gewalt nicht die Aufwärtsspirale von Schlag und Vergeltungsschlag in Gang? Kann es Frieden geben, wenn weltweit einer von acht Menschen hungert? Wenn 842 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen haben? Wenn 200 Millionen Menschen weltweit arbeitslos sind? Kann es Frieden geben, solange wir militärisch denken und ausbilden und Militärbündnisse schmieden? Kann es Frieden geben, solange wir Waffen ohne Ende produzieren? Kann es Frieden geben, wenn Rohstoffe immer knapper werden? Kann es Frieden geben, solange Menschen versuchen, der Armut zu entfliehen, die reichen Länder sie als Armutsflüchtlinge aber aussperren? Kann es Frieden geben, solange Religionsführer zur Gewalt aufrufen?

Es ist traurig: In der Welt herrscht kein Friede. Rücksichtsloser Egoismus führt zu Zerstörungen bis zur Selbstzerstörung. Armut, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung, Misshandlungen, Machtstreben, Korruption, Rivalität, Freund-Feind-Denken, Hetzkampagnen, Verleumdung, Besserwisserei, Eifersucht, Neid, Missgunst, Geiz, Rachsucht fördern Streit und Hass und entfachen das Feuer des Unfriedens. Solange einzelne Menschen und einzelne Staaten meinen, Frieden auf Kosten anderer schaffen zu können, wird es keinen Frieden geben. Solange Religionsführer meinen, die alleinige Wahrheit zu besitzen, wird es keinen Frieden geben. Solange Selbstmordattentäter, Soldaten oder Rebellen nicht erkennen, dass sie ihre Geschwister töten, wird es keinen Frieden geben.

In den Heiligen Schriften finden wir vieles über den Frieden geschrieben. Der Frieden ist ein Geschenk des HERRN. Wir sollen diesem Frieden nachjagen. Wir finden Anleitungen, wie Frieden geschaffen werden kann. Wir finden Weisungen, wie wir mit Feinden umgehen sollen. Wir werden zur radikalen Gottes- und Nächstenliebe aufgefordert. Die Realität ist, dass wir ohne den HERRN es nicht schaffen, mit den Menschen gut auszukommen. Sie verhalten sich nicht so, wie wir es für richtig halten. Sie sehen die Dinge völlig anders als wir. Es kommt zu Konfrontationen. Wir machen einen Versuch, die Konfrontation zu beseitigen und geben bei Misserfolg auf. Die Reaktion vieler Gläubigen, die ich oftmals höre, lautet dann: „HERR, ich schaffe es nicht sie zu lieben. Liebe Du sie! Ich übergebe sie deiner Liebe.“ Reicht dass denn aus? Müssen wir nicht viel mehr für den Frieden kämpfen? Lassen wir die Möglichkeit aus, dass der HERR seine Liebe durch uns fließen lassen kann, sodass wir zu Friedensstiftern werden?

Nicht durch Macht oder Gewalt, sondern durch den Geist des HERRN entsteht der Friede. Der HERR ist der Gott des Friedens. Er sendet uns seinen Geist des Friedens. Dieser Frieden als Frucht des Heiligen Geistes ist ein Frieden mit dem HERRN, mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen. Es ist ein innerer Drang nach Frieden. Wir wollen mit dem Willen des HERRN übereinstimmen.

Dieser Geist des Friedens lässt uns erkennen, wie sehr wir selbst zum Unfrieden beitragen. Wir erkennen unsere Gedanken, Worte und Taten, mit denen wir das Feuer angefacht oder geschürt haben. Wir erkennen, dass wir friedensstiftende Maßnahmen unterlassen haben, die die Lage frühzeitig entspannt hätten. Der Geist befreit uns davon, auf einen verbalen Angriff sofort mit einem Gegenangriff antworten zu müssen. Er lässt uns erkennen, dass beide Seiten eigene Wahrheiten und Gerechtigkeiten haben und dass beide Sichtweisen berechtigt sind. Wir erkennen unsere Rechthaberei und unseren Egoismus. Wir erwägen, dass unser Geschwister vielleicht mehr Recht hat, als wir selbst. Wir fangen an, nach der besseren Gerechtigkeit zu suchen. Wir erkennen, dass wir nicht das Recht haben, über unsere Geschwister zu richten oder sie zu verurteilen. Wir erkennen, dass wir nicht bereit waren, unserem Geschwister zu dienen, sondern dass wir über ihn herrschen wollten. Wir erkennen, dass wir auch nicht besser sind, als unsere Mitmenschen. Wir bekennen dem Mitmenschen, dass wir uns ihm gegenüber schuldig gemacht haben und bitten ihn um Verzeihung. Jetzt sind wir auch bereit, dem anderen zu verzeihen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Er hat mit uns dasselbe getan, wie wir mit ihm oder wie wir uns anderen gegenüber verhalten haben. Dem HERRN sei Dank für diese Erkenntnis. Er hat unser Herz dazu bereit gemacht, Frieden zu schließen. Dort wo Vergebung, Nachgiebigkeit, Hilfsbereitschaft, Liebe und Gerechtigkeit den Frieden bewirken, wird er auch Bestand haben.

Der Frieden kommt nicht ohne Zutun der Menschen zustande. Er muss von den Menschen gemacht werden. Der Heilige Geist führt sie und macht sie zu Friedensstiftern. Die Feindschaft unter den Menschen kann überwunden werden. In den Heiligen Schriften finden wir Anleitungen unser Denken, Handeln und Reden auf Frieden auszurichten. Daneben finden wir konkrete Beispiele, wie Konflikte überwunden werden können.

Pinchas Lapide hat in seinen Schriften zur Bergpredigt* herausgearbeitet, wie Frieden auf der Welt realisiert werden kann. Seiner Meinung nach geht es um ein kreatives Schaffen. Ein Schritt allein genügt nicht. Es sind 1001 Wege geduldiger Ameisenarbeit erforderlich, um Frieden in die Welt zu bringen. Wir sollen, um des Friedens willen, den ersten Schritt tun, Konflikte ohne Gewalt austragen, nach der besseren Gerechtigkeit suchen, Mauern des Misstrauens abbauen, Brücken schlagen, dem anderen gut Zureden, feinfühlig Miteinander umgehen, subtile Kompromissbereitschaft aufspüren. Er empfiehlt eine Politik der kleinen Schritte, Maßnahmen zur Konfliktschrumpfung, Entschärfung von Konfrontationen, Rechtsverzicht, Übererfüllung der Liebesgebote, Nachgiebigkeit, nicht über den anderen dominieren wollen, Heimtücke, List und taktieren unterlassen.

Im 1. Samuel 25 wird uns eine Geschichte über eine kluge Frau erzählt, die durch ihr Handeln in einer höchst brisanten Lage Frieden schafft und Krieg und Blutvergießen abwendet.

Feindschaft kann überwunden werden. Es gibt viele Beispiele, wo ehemalige Kriegsgegner nach vielen Jahren sich die Hand reichen. Wie schön kann das Leben sein, wenn Menschen sich umeinander kümmern und in Frieden zusammen leben. Glückselig, die Frieden stiften, sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen.

* Lapide, Pinchas, Die Bergpredigt, Utopie oder Programm, Berlin 2010
* Lapide, Pinchas, Wie liebt man seine Feinde? Mainz 1984

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